Interview Langfassung: Warum Aktive Stresskompetenz das Fundament für mentale Gesundheit bildet.

Der Autor und Stresskompetenz-Experte Jan O. Deiters erklärt in seinem neuen Buch, warum eine neue Sichtweise auf das Phänomen Stress für unsere mentale und körperliche Gesundheit und damit unser Wohlbefinden so unglaublich wichtig ist.

Gerade leben wir in einer Zeit der Ausnahmesituationen. Das Thema „Corona“ wird uns noch eine ganze Weile beschäftigen und massiven Einfluss haben auf die Menschen. Sie sagen, dass unser Umgang mit Stress einen Einfluss auf die Art und Weise hat, wie wir in und mit dieser Krise besser klarkommen können?

Stress wird für die meisten Menschen in allen Altersschichten derzeit zum problematischsten Aspekt der Corona-Epidemie. Das bestätigen alle Ärzte, Untersuchungen und Studien.

Unsicherheit, Sorgen, Existenzängste, Einschränkung der sozialen und menschlichen Nähe, reduzierte Bewegungsmöglichkeiten, nicht wissen wie es weiter geht, Hoffnungslosigkeit, Verschärfung von psychischen Erkrankungen, Ohnmachtsgefühle, apokalyptische Panikszenarien, etc.

Wir können auf den bislang üblichen Wegen keinen Stress abbauen. Was früher sowieso oft nur zufällig gelang, wird jetzt zu einem Fundament für eine gute Lebensqualität gerade in diesen Zeiten. Die meisten Menschen kennen die Zusammenhänge von eigenem Verhalten und Stress-Erleben nicht. Wir haben schlicht verlernt, eine Krise auch mental zu bewältigen.

Das führt dazu, dass Stress nicht nur das mentale Immunsystem belastet, sondern als Folge auch das körperliche Immunsystem blockiert. Auf diese Weise können Erreger jeglicher Art (also auch Viren) in unseren Organismus strömen. Und dort treffen sie auf offene Tore, weil auch die Psyche mit ihren vielfältigen Auswirkungen nicht mehr stabil ist. Im Ergebnis wird man noch kränker, als man ohnehin schon ist, oder der Nährboden für Krankheiten ist aufnahmefähig wie ein trockener Acker, auf den ein langer Sommerregen fällt.

Ja, aber es war doch schon immer so, dass das Leben stresst.

Das stimmt natürlich. Aber in den vergangenen Jahrzehnten haben wir es nicht so drastisch gemerkt. Der Druck, das Unbehagen, der Burn-Out waren eher schleichend. Generell herrschte das Gefühl vor, dass man immer alles mehr, schneller und perfekter machen könne. Es ging im Grunde immer nur bergauf. Bei allen kleineren und größeren Problemen waren wir eingekuschelt in eine trügerische Sicherheit. Das Meiste lief in geschützten und geregelten Bahnen. Wenn überhaupt, waren es beispielsweise Schicksalsschläge, schwere Krankheiten oder Unfälle, die bei den betroffenen Menschen einen „Break“, ein Umdenken, auslösten.

Und solch eine „Unterbrechung“ bisheriger Gewohnheiten erleben jetzt alle Menschen und weltweit. Das ist auch für die Psyche ein Erdbeben, das keinen Stein mehr auf dem anderen lässt. Plötzlich ist alles unsicher. Bisherige Pläne und Gewohnheiten scheinen unnütz und stehen auf der Kippe. Und wir stellen fest: Das Leben ist gefährlich. Es gibt keine Garantie. Und es fällt uns schwer, Orientierung zu finden.

Wir stellen gleichzeitig fest, dass in dieser trügerischen Sicherheit zahllose Verhaltensweisen zur Gewohnheit wurden, mit denen wir unseren Körper und unsere Seele belastet und geschädigt haben. Ernährung, Bewegung, Überfluss und Überfrachtung, mentale Selbst-Sabotage – und eben ein belastender Umgang mit den Stressfaktoren.

Diese ganze Gemengelage führt darüber hinaus dazu, dass es Krankheitserreger viel leichter haben, ihre Opfer zu finden und sich prächtig weiterentwickeln zu können.

Sie beschäftigen sich seit vielen Jahren mit Stress und haben die „Aktive Stresskompetenz“ entwickelt. Was ist Ihr Antrieb?

Ich bin der festen Überzeugung, dass jeder Mensch wissen sollte, wie Stress funktioniert, warum er eigentlich eine gute Einrichtung der Natur ist und wie wir auf konstruktive und gesunde Weise mit Stress umgehen können.

Unsere mentale Gesundheit wird immer noch maßlos unterschätzt und wird, wenn überhaupt, nur zufällig bedient. Das aber wird der Bedeutung für das gesamte Wohlbefinden eines Menschen mit seinen psychologischen, körperlichen, sozialen und inneren Strukturen nicht gerecht. Gerade bei den so genannten Zivilisationskrankheiten stellen wir fest: Stress gehört praktisch immer zu den Ursachen von Bluthochdruck, Stoffwechselstörungen, Rückenschmerzen, Schlafstörungen, metabolischem Syndrom und vielen anderen Beschwerden. Stress verschlechtert auch immer die Heilungsaussichten.

Wenn wir über unsere Gesundheit und unser Immunsystem sprechen, betrachten wir im Grunde nur die biologischen und biochemischen Vorgänge im Körper. Alle unsere Maßnahmen münden in den Versuch, das körperliche Immunsystem fit zu machen gegen Angriffe beispielsweise von Viren.

Wir haben aber auch gleichsam schädliche „Viren“ in unserem Denken, die zerstörerisch auf das mentale Immunsystem als zweite Säule einer guten Gesundheit wirken. Wie wir denken hat ursächlichen Einfluss auf unser Wohlbefinden, unsere Gesamtgesundheit.

Wenn wir die Bedeutung unsere Kompetenz in Sachen Stress gleichsetzen mit anderen beruflichen, sozialen und persönlichen Kompetenzen, dann können wir mit diesem zentralen Ansatzpunkt eine Vielzahl von Problemen in unsere Leben verringern oder gar ganz lösen.

Das wird viel zu selten in dieser Deutlichkeit thematisiert!

Nun, oft wird in einschlägigen Artikeln und Ratgebersendungen doch davon gesprochen, dass man auch seinen Stress reduzieren solle…

Tatsächlich wird das immer mal wieder angemahnt. Aber dann bleibt das Publikum im Unklaren darüber, wie denn das gehen soll – angesichts des enormen Drucks, der auf den meisten Menschen lastet.

Da fallen einem gleich mehrere Maßnahmen ein: Entspannungsübungen, ein gutes Gespräch mit Freunden, ein Spaziergang in der Natur oder Sport, sich auch mal über die kleinen Dinge des Lebens freuen… Das sind doch genau solche Maßnahmen, oder?

Richtig ist: all diese Dinge sind unbestritten Teil eines gesunden Umgangs mit Stress. Ein Waldspaziergang wirkt entspannend und erfrischend. Aber danach ist man zurück in den alten Stress-Mustern. Nichts hat sich an Frust im Job, Belastungen in der Familie, Existenzängsten oder dem beginnenden Burn-Out geändert. Es ist eher wie ein planloses Behandeln an oberflächlichen Symptomen.

Ein stabiles Fundament für Wohlbefinden braucht Wissen und Erkenntnisse, die tiefer gehen. Wir müssen die Prinzipien für unser individuell unterschiedliches Stress-Erleben erkennen und Strategien und Vorgehensweisen neu definieren und einüben. Mit dieser Basis erst sind dann die allgemein vorgeschlagenen Maßnahmen wirksam.

Das hört sich ziemlich abstrakt und ungewohnt an. Haben Sie dafür ein Beispiel?

Die bisherige Herangehensweise führt zu oft zu einer Art „Jo-Jo-Effekt“. Anfangs hat man ein Gefühl von Entspannung oder Erleichterung, aber nach kurzer Zeit stellt man fest, dass die Stressbelastung sich insgesamt verschärft hat.

Ein gutes Beispiel findet sich beim Thema „Zeitplanung“. Das gilt für Menschen im Beruf genauso wie im Privatleben. Moderne Zeitplaninstrumente wie Microsoft Outlook führen dazu, dass wir unsere Termine effizienter planen können. Dadurch lassen sich mehr Termine abarbeiten, die Abläufe erhöhen die Taktzahl, manches wird automatisiert und am Ende sind wir produktiver. Soweit die schöne und richtige Idee. In der Realität aber erfahren wir mehr Druck und Belastung, fühlen uns diesem Planungssystem regelrecht ausgeliefert. Was läuft da schief? Eigentlich sollte Outlook unsere Arbeit doch erleichtern? Nun, solange wir es verlernt haben, „NEIN“ zu sagen, füllen wir unsere freie Zeit mit allem, was uns angetragen wird.

Manch einem bereitet das kein Problem, man prüft die Terminanfragen und lehnt im Zweifelsfall selbstbewusst ab. Viele andere jedoch fühlen sich verpflichtet, zuzustimmen. Weil sie beispielsweise Vorwürfe fürchten oder sich unbewusst emotional unter Druck gesetzt fühlen. Das fördert die persönliche Stress-Situation. Diese Abläufe hinter den Kulissen gilt es zu erkennen und mit alternativen Handlungsweisen zu entschärfen.

Deshalb müssen wir die Ursachen bereinigen. Erst wenn das geschieht, wird der Zeitplaner zu einem segensreichen Werkzeug.

Das klingt nach viel Arbeit und Ausdauer, die man braucht. Ist das nicht eher abschreckend?

Nun, es bedarf einer gewissen Aufmerksamkeit und Übung. Aber man braucht nur kleinste und kleine Einzelschritte, die dann aber über einen Zeitraum von beispielsweise 3 Monaten angewendet werden. Wie ein Lehrgang bei jeder anderen Fertigkeit, die man erlernen möchte. Ohne Übung gibt es auf keinem Gebiet des Mensch-Seins eine nachhaltige Verbesserung. Ich denke, niemand möchte ein weiteres Strohfeuer lodern sehen und sich dann in noch tieferen Frustrationen sehen.

Das Geheimnis ist: Wenn wir unsere Stresskompetenz als wesentlichen Bestandteil eines glücklichen Lebens erkennen, fällt uns alles sehr viel leichter.

Aber wenn man Ergebnisse erst nach beispielsweise drei Monaten sieht, verursacht das dann nicht auch schon wieder Stress?

Das Verblüffende ist, dass man positive Auswirkungen bereits vom ersten Tag an erlebt. In dem Moment, wo man sich neugierig und offen dem Ausbau seiner Stresskompetenz widmet, beginnen bereits die befreienden Resultate. Die Impuls-Strategie steht für ein Lern-Verfahren mit Direktwirkung. Es ist vergleichbar mit Urlaubsfreuden, die ja bereits bei der Planung beginnen und nicht erst, wenn man wieder Zuhause ist.

Ihr Programm beinhaltet spezielle Musik, so genannte Mindful Tunes. Was hat es damit auf sich?

Musik ist – richtig ausgewählt und angewandt – der Ansatz zu innerer Ausgeglichenheit ohne Umwege über das Bewusstsein oder das Denken. Neuropsychologie, Gehirnforschung und Sozialwissenschaft bestätigen, dass Musik ein Urelement des Mensch-Seins ist. Musik heilt. Musik beruhigt und aktiviert. Musik wirkt mit jedem Klang und Takt. Man fühlt die Intensität und die Wirkung von Musik lässt sich im Gehirn eindrucksvoll messen. Gerade für die mentale Gesundheit ergeben sich dadurch vielseitige Anwendungsmöglichkeiten.

Als Musiker und Komponist habe ich einen besonderen Zugang zu diesen tiefgreifenden Zusammenhängen. So bin ich in der Lage, spezielle Musik zu komponieren und zu produzieren, die genau diese Erkenntnisse nutzt. Ich nenne es Mindful Relaxing Tunes. Entspannende Klänge und Melodien mit natürlichen Instrumenten, die zu innerer Ruhe führen, zur unmittelbaren Entspannung des Körpers, Meditation und Achtsamkeit erleichtern und für ein gesundes Einschlafen sorgen.

Wie lautet also Ihre Empfehlung in der heutigen Zeit?

Die Stärkung der eigenen Stresskompetenz muss das Ziel sein. Wenn der Führerschein die Kompetenz bildet für das Autofahren, so ist aktive Stresskompetenz das Entwicklungsprogramm für mentale Gesundheit, Resilienz, Gelassenheit und Wohlbefinden.

Die Lösung dafür beginnt im Kopf. Der entscheidende Moment ist die Erkenntnis, dass sich jeder seiner „mentale Gesundheit“ widmen sollte. Auch wenn es „nur“ psychisch ist, so haben diese mentalen Vorgänge genauso reale Auswirkungen wie ein Knochenbruch oder ein Virus.

Die neuesten Forschungsergebnisse beispielsweise aus der Neuropsychologie zeigen ganz klar diese Zusammenhänge.

So gilt es, ins Handeln zu kommen, selbst die Initiative zu ergreifen und selbst dafür zu sorgen, dass es einem gut geht. Niemand anderes kann das tun. Das ist die große Chance selbst in schwierigem Fahrwasser. Man kann nur gewinnen.

Vielen Dank für das Gespräch.

Weiterführende Informationen: www.stresskompetenz.de