1. Advent: Ist weniger mehr?

Der erste Advent – Ist weniger wirklich mehr?

Heute ist der erste Advent. Eigentlich der Einstieg in die Weihnachtszeit. Eine Zeit der Besinnung, des Überdenkens, der Kontemplation. Ein Gedenken an Werte und (Mit-)Menschlichkeit, ein Zurücknehmen der Geschwindigkeit jenseits der eigenen Belastbarkeit. Achtsamkeit.

So die Theorie. Aber: Es fällt tatsächlich schwer, zwischen einem ekstatischen Black Friday und einem schier überbordenden Cyber Monday eine Balance zu finden.

Einerseits wird für die Umwelt gestritten, andererseits über den Energieverbrauch des Internets so viel CO2 in die Luft geblasen wie derzeit der gesamte Luftverkehr, Tendenz steigend. Einerseits wird für bessere Löhne der Paketauslieferer argumentiert, andererseits mit den unfassbaren Mengen an Paketen über die Online-Versender geradezu pervertiert. Einerseits sollen Produkte und Dienstleistungen einen angemessenen Wert haben, andererseits werden diese Werte über Rabatte ad absurdum geführt. Und dann auch noch dieses: viele der angeblichen „Schnäppchen“ sind teurer als zu anderen Zeiten des Jahres.

Einerseits ist jedem irgendwie klar, dass es nicht ein ständiges „Weiter, Höher, Schneller“ geben kann. Und doch werden wir in einen Strudel von Hektik, Gehirnwäsche, Unvernunft, Selbst-Sabotage und Fieber gezogen, dass es für „unsere dunkle Seite“ nur so eine Freude ist.

Das eigentlich Schlimme dabei aber ist: Wir selbst berauben uns unserer Lebensqualität. Jetzt, heute und morgen. Wir stehen nicht nur unter Stress, wir berauschen uns geradezu daran. Wie ein Süchtiger, der an der Nadel hängt, an Medikamenten oder Alkohol. Und wenn denen gesagt wird, „hey, du brauchst das eigentlich gar nicht für dein Glück“, dann wird auf den Schock erst noch einmal ein weiteres Glas gehoben.

Das Fatale daran ist, dass wir vielfach gar keinen Punkt mehr finden, an dem wir (zumindest theoretisch) aussteigen könnten. Wir sind sozusagen in einer automatisierten Verhaltensblase gefangen, die durch Medien, Vorbilder und fast schon irreale Wunschvorstellungen befeuert wird.

Das klingt jetzt moralisierend und vorwurfsvoll? Irgendwie schon, das gebe ich zu. Doch es geht dabei gar nicht um den erhobenen Zeigefinger oder Verbote und Verzicht. Es geht schlicht um das Wichtigste in Ihrem Leben: Ihr eigenes Wohlbefinden und Ihre Gesundheit. Deshalb ist mein Ziel, dass aktiv über die Zusammenhänge nachgedacht wird.

Die Frage des Verzichts ist existenziell für jedwedes Lebewesen. Verzichten will und kann niemand. Weder auf Erfolg noch auf Konsum, noch auf Beziehungen oder Fortpflanzung, noch auf Genüsse. In Zeiten ohne Edeka, Amazon und Vollkaskoversicherung war es schlichtweg überlebenswichtig, dass wir zugegriffen haben, wenn es etwas gab. Und zwar genau dann, wenn wir etwas Verwertbares gefunden oder erjagt hatten. Deshalb hinterlässt jedes Schnäppchen, jedes Sonderangebot, selbst jeder vorgetäuschte Vorteil eine Reaktion in jenen Hirnarealen, die für „Befriedigung“ stehen. Das kann man wunderbar im Kernspintomographen nachweisen. Und man fühlt es. Glückshormone werden ausgeschüttet, man ist erleichtert und euphorisch. Übersetzt in die viel früheren Zeiten: „Heute verhungere ich nicht, heute überlebe ich“. Der Unterschied zu früher: Heute finden wir alle paar Minuten etwas „Verwertbares“.

Sie werden mir zustimmen, dass unser Überleben heutzutage eher leichter ist. Aber die Mechanismen und Abläufe in Gehirn und Organismus haben sich nicht verändert!

Deshalb hat es jeder, der an diesem „Belohnungs-/Dopamin-Kreislauf“ ansetzt, sehr schwer. Das führt dazu, dass die üblichen Verzichts-Empfehlungen in einem aufmunternden „Weniger ist mehr, ist doch gar nicht so schlimm“ münden.

Aber: geht es vielleicht gar nicht um ein „Mehr“.

Wie wäre es mit folgender Überlegung: Weniger ist nicht mehr. Weniger ist besser!

Fragen Sie sich heute versuchshalber einfach mal:

  • Macht es Sinn, den Weihnachtsstress ein- um das anderemal zu ertragen?
  • Macht es Sinn, ständig irgendwas zu kaufen, was man eigentlich gar nicht braucht?
  • Macht es Sinn, für diese überflüssigen Dinge wertvolle Zeit zu opfern und mühsam Geld zu verdienen?
  • Macht es Sinn, für dieses viel zu knappe Geld täglich seine mentale und körperliche Gesundheit zu torpedieren?
  • Macht es dann Sinn, jedem Schnäppchen hinterherzurennen, nur, um letztlich noch mehr Unzufriedenheit, Frust und Überforderung zu erleben…?

Noch einmal. All diese beschriebenen Dinge sind o.k., haben ihre Berechtigung, können einen Mehrwert für den Einzelnen haben und das will ich überhaupt nicht verdammen oder in Frage stellen. Keineswegs. Es geht schlicht darum, sich bewusst zu werden: ich bin an der Entscheidung beteiligt und habe eine Wahlmöglichkeit für das Wesentliche.

Deshalb fragen Sie sich:

  • Was ist für mich besser?
  • Was kann ich tun, damit ich mich wohler fühle?
  • Was müsste geschehen, damit es für mich besser ist?

Daraus resultiert Zufriedenheit, Lebensqualität, innere Ruhe, Klarheit, Eindeutigkeit, Energie, Akzeptanz.

Der heutige Gedanken-Impuls also lautet: Weniger ist besser.

In diesem Sinne: Bleiben Sie gelassen.

Ihr Jan O. Deiters